Die Gestalt dessen, was sich nicht vorhersagen lässt

Wähle Deine Lesezeit

Die Wissenschaft brilliert bei periodischen Phänomenen — Umlaufbahnen, Wellen, Zyklen. Wir bauen Technologie darauf auf, weil wir sie vorhersagen können. Wenn wir eine Brücke entwerfen oder einen Satelliten starten, verlassen wir uns auf Verhalten, das sich wiederholt, Verhalten, das wir mit Gleichungen modellieren und im Voraus lösen können.

Doch es gibt Phänomene im Universum, die weder periodisch noch zufällig sind. Sie folgen Regeln, und die Regeln lassen sich nicht komprimieren. Der einzige Weg zu erfahren, wohin sie führen, ist ihnen zu folgen, Schritt für Schritt, bis zum Ende.

Stephen Wolfram nennt dies computational irreducibility — rechnerische Unreduzierbarkeit. Manche Prozesse lassen sich nicht abkürzen. Um die milliardste Stelle von π zu kennen, muss man sie berechnen. Um zu wissen, wohin ein Fraktal führt, muss man iterieren: z = z² + c, immer wieder. Keine Formel springt zur Antwort vor. Der Prozess ist die Antwort.

Das ist bedeutsam, weil die beiden wichtigsten Phänomene, die wir kennen — Leben und Geist — zu dieser Kategorie gehören.

Zwei Sprachen der Unendlichkeit

David Deutsch beobachtet, dass menschliche Gehirne und DNA-Moleküle beides universelle Informationsspeicher sind. Bemerkenswerter noch: Die Information, die sie speichern, teilt eine Eigenschaft von kosmischer Bedeutung — einmal physisch verkörpert in einer geeigneten Umgebung, tendiert sie dazu, ihr eigenes Fortbestehen zu bewirken. Deutsch nennt diese selbsterhaltende Information Wissen und stellt fest, dass sie kaum anders entstehen kann als durch fehlerkorrigierende Prozesse — biologische Evolution oder menschliches Denken.

Beides sind Lernprozesse. Evolution erzeugt Variation durch Mutation, testet sie durch Selektion und behält, was überlebt. Menschliches Wissen wächst durch Vermutung und Kritik — wir schlagen Ideen vor, testen sie an der Realität und behalten, was funktioniert. Die Parallele ist keine Metapher. Sie ist strukturell.

Beide Prozesse bewegen sich durch kombinatorische Räume, so unermesslich, dass das Universum nicht alle ihre Möglichkeiten gleichzeitig enthalten kann. Der Raum möglicher Moleküle übersteigt die Zahl der Atome im Universum bei weitem. Der Raum möglicher Gedanken ist nicht kleiner. Das sind keine Räume, die man im Voraus kartieren kann. Man kann sie nur erkunden, indem man sie durchschreitet.

Biologische Evolution entfaltet sich nicht nach einer Formel, die man im Voraus lösen kann. Das Wachstum menschlichen Wissens ebenso wenig. Man kann vier Milliarden Jahre Selektion nicht abkürzen. Man kann nicht vorspringen zu dem, was die Menschheit in fünfhundert Jahren wissen wird. Der einzige Weg führt hindurch.

Warum es so schwer ist, über das eigene Leben nachzudenken

Deshalb ist es so schwierig, über das eigene Leben nachzudenken. Die periodischen Teile lassen sich vorhersagen — Jahreszeiten, Termine, wiederkehrende Muster. Aber der Teil, der am meisten zählt, der Teil, der du bist, ist rechnerisch unreduzierbar.

Dein Wissen wächst durch denselben fehlerkorrigierenden Prozess: Du vermutest, du testest, du revidierst. Jeder Schritt eröffnet neue Möglichkeiten, die vorher nicht existierten. Der Raum, durch den du dich bewegst, dehnt sich aus, während du dich bewegst. Keine Formel erfasst das. Keine Abkürzung existiert.

Du kannst nicht vorspringen. Du kannst es nur erleben.


Weiterführende Literatur:

Wolfram, Stephen. A New Kind of Science. Champaign, IL: Wolfram Media, 2002. Kapitel 12: Computational Irreducibility

Deutsch, David. The Beginning of Infinity: Explanations That Transform the World. New York: Viking, 2011.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert