🤖 Letzten November kam die Souveräne Cloud nach Dresden

Ein Linux-Praktiker besucht den ALASCA Summit 2025 — und findet Europas souveräne Infrastruktur weiter als erwartet.

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Letzten November kam die Souveräne Cloud nach Dresden

Ein Linux-Praktiker besucht den ALASCA Summit 2025 — und findet Europas souveräne Infrastruktur weiter als erwartet.

Letzten November trafen sich rund 200 Menschen im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zum zweiten ALASCA Summit. ALASCA — der Verband fĂĽr betriebsfähige, offene Cloud-Infrastrukturen — ist eine Community, die Open-Source-Cloud-Infrastruktur fĂĽr Europa baut. Das Motto in diesem Jahr: „Not from Alaska. From Europe. Built for Europe’s Cloud Future.“ Ich lebe in Dresden. Ich ging hin, weil ich spĂĽren wollte, wie diese Community tickt — ob digitale Souveränität noch ein politisches Schlagwort ist oder etwas, das tatsächlich gebaut wird.

Die Antwort war innerhalb der ersten Stunde klar: Sie bauen. Und das Timing machte es unmöglich, wegzuschauen.

Der ICC-Moment

Wenige Tage vor dem Summit bestätigte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, dass er Microsoft Office durch openDesk ersetzen würde — die Open-Source-Arbeitsplatz-Suite, entwickelt von ZenDiS, dem deutschen Zentrum für Digitale Souveränität. Der Auslöser war geopolitisch: Nach US-Sanktionen gegen ICC-Beamte und Berichten, dass dem Chefankläger der Zugang zu seinem Microsoft-Konto gesperrt wurde, entschied das Gericht, dass es sich die Abhängigkeit nicht mehr leisten kann.

Der Vortragende von ZenDiS zeigte, wie openDesk in der Praxis aussieht. Die Architektur-Folie las sich „1 Product. 12 Partners.“ — ZenDiS und das Bundesministerium fĂĽr Digitales als ProdukteigentĂĽmer, B1 Systems als Dienstleister, STACKIT als Hosting-Provider, und acht Open-Source-Hersteller als Komponentenlieferanten: Collabora Online fĂĽr Dokumente, Element fĂĽr Messaging, Nextcloud fĂĽr Dateispeicher, Open-Xchange fĂĽr E-Mail und Kalender, OpenProject fĂĽr Projektmanagement, XWiki fĂĽr Wissensmanagement, Univention fĂĽr Identitätsmanagement und Nordeck fĂĽr kollaborative Widgets. Die gesamte Suite läuft auf Kubernetes, deployt ĂĽber HELM Charts.

openDesk — 1 Product. 12 Partners. Folie mit ZenDiS, B1 Systems, STACKIT und acht Open-Source-Herstellern auf dem ALASCA Summit 2025
Das openDesk-Ă–kosystem: 1 Product. 12 Partners. ALASCA Summit 2025, Dresden.

Das ist kein Prototyp. openDesk läuft bereits als SaaS für die Ministerpräsidentenkonferenz, die Bundestagsverwaltung und über 65.000 Lehrkräfte in Baden-Württemberg — mit einem Ziel von 120.000. Die Bundeswehr pilotiert es on-premise über die BWI GmbH, mit geplantem Rollout ab 2027. Die Entwicklungs-Roadmap umfasst KI-Integration über Projekte namens KIPITZ und F13, Fachverfahrensanbindung und eine zentrale openDesk-Installation für den Bund beim ITZ-Bund auf VS-NfD-Niveau.

Sachsens Schritt

Ein Vortragender der Sächsischen Staatskanzlei formulierte den geopolitischen Kontext unverblümt: Die aktuelle US-Regierung hat uns klargemacht, wie verwundbar wir sind. Dresden konkurriert mit Städten wie Singapur — und diese Partner können ihre Daten nicht auf US-Servern haben.

Dr. Stephan Rohde präsentiert Sachsens Strategie zur digitalen Souveränität auf dem ALASCA Summit 2025 — neue Rechenzentren in Dresden und Kamenz, SVN NG, On-Premise-KI
Sachsens Strategie zur digitalen Souveränität: neue Rechenzentren, SVN NG, On-Premise-KI. ALASCA Summit 2025, Dresden.

Sachsen reagiert mit Infrastruktur. Zwei neue Rechenzentren werden in Dresden und Kamenz gebaut und konsolidieren eine derzeit dezentrale Landschaft. Der Freistaat standardisiert auf die Deutsche Verwaltungscloud (DVC), baut eine Plattform für On-Premise-KI-Anwendungen und beschafft das Sächsische Verwaltungsnetz der nächsten Generation (SVN NG). Das ist keine abstrakte Strategie. Es ist Beschaffung, Bau und Inbetriebnahme.

Linux bis ganz nach unten

Was mich am meisten beeindruckte — als jemand, der ein Linux-Native ist — war, dass die deutsche Regierung Linux endlich ernst nimmt. Ein Vortragender nannte es „das europäische Betriebssystem“. Das stimmt nicht ganz — Linux ist global, nicht europäisch, und die Linux Foundation sitzt in San Francisco. Aber die Aussage zeigt auf etwas Reales: Linux ist die eine Schicht im Stack, bei der kein einzelnes Unternehmen und keine Regierung die SchlĂĽssel hält.

Ein Vortrag fiel mir besonders auf: SONiC — Software for Open Networking in the Cloud. Ein Open-Source-Netzwerkbetriebssystem auf Debian-Basis, ursprünglich von Microsoft für Azures Rechenzentren entwickelt, jetzt von der Linux Foundation verwaltet. Es läuft auf Switches verschiedener Hardware-Hersteller, nutzt containerisierte Microservices und verwaltet die Konfiguration über eine zentrale Redis-Datenbank. Das berührte etwas Älteres in mir als meine Linux-Arbeit. Es gab Jahre in meiner Karriere, in denen ich tief in die Netzwerktechnik eingetaucht bin — RFCs lesen, VPNs aufbauen, anspruchsvolle Monitoring-Infrastruktur mit Tools wie HP OpenView und NetFlow-Probes betreiben. Diese Welt und die Linux-Welt waren immer benachbart, aber nie ganz dasselbe. SONiC verschmilzt sie. Dass die Netzwerk-Switching-Schicht jetzt Debian spricht, bedeutet, dass jemand mit Wurzeln in beiden Welten den gesamten Stack in einer Sprache bedienen kann, die er bereits kennt.

Und auf diesem Summit war es Linux von ganz unten bis ganz oben. Das Netzwerk läuft auf SONiC. Die Cloud-Plattform läuft auf OSISM und OpenStack. Kubernetes orchestriert die Container. Die Arbeitsplatz-Anwendungen sind alle Open Source. Vom Switch bis zur Tabellenkalkulation läuft der gesamte souveräne Stack auf Grundlagen, die niemand wegsanktionieren kann.

RĂĽckblick

Vier Monate später hat sich die Dynamik nur verstärkt. Der Europäische Gipfel für Digitale Souveränität fand im November 2025 in Berlin statt, gemeinsam geleitet von Deutschland und Frankreich. Das Sovereign Cloud Stack-Projekt veröffentlichte Release 8 im April 2025, obwohl die Bundesförderung ausgelaufen war — getragen von engagierten Unternehmen und einer aktiven Open-Source-Community. SCS wird mittlerweile als staatliche Cloud-Infrastruktur in Ländern von Guinea bis Jordanien eingesetzt.

Ich kam zum ALASCA Summit als Beobachter — jemand, dessen Karriere sich durch Netzwerktechnik, Linux-Systeme und jetzt in Richtung Cloud-Infrastruktur bewegt hat. Ich ging mit dem Verständnis, dass die Lücke zwischen meinem Standpunkt und dem, was diese Community baut, schmaler ist als angenommen. Der Stack spricht Sprachen, die ich seit Jahren spreche. Die Community meint es ernst. Und Dresden ist, wie sich herausstellt, kein schlechter Ort, um zu stehen, wenn diese Welle kommt.

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